
Marcus Bernard Hartmann
Das Jahr
des Thronfolgers
L e s e p r o b e
Irgendwie habe es etwas Friedliches an sich, obwohl dergleichen, so überraschend ans Tageslicht geraten, durchaus Schauer erregt. Und so habe derjenige, der es entdeckt hat, auch tatsächlich aufgeregt auf den Fund aufmerksam gemacht; dabei habe er lediglich die Schädeldecke freigelegt, mit der behandschuhten Hand, nachdem er mit der Schaufel an einen Widerstand geraten sei, der sich nicht steinhart angefühlt habe.
Die Herbeigerufenen, ein Baggerfahrer und ein Vermesser, hätten dann den Rest freigelegt, vorsichtig, fast wie Archäologen. Als das Skelett schließlich gänzlich sichtbar dagelegen habe, seien bereits etliche Passanten neugierig herumgestanden, was auffällig genug gewesen sei, so dass uns die Neuigkeit nur wenig später während der Redaktionssitzung erreicht hat.
Herr Elb hat mich auch sogleich losgeschickt, das sei doch wieder einmal etwas für mich, und so stehe ich jetzt auf der Baustelle mitten in der Königstraße und schaue fasziniert in das Erdloch, in dem, seit weiß ich wie lange, ein gewesener Mensch liegt.
Eine Polizeistreife beginnt den Fundort abzusichern; die Kripo sei schon benachrichtigt, ein Skelett sei gefunden worden.
Ein Arbeiter muss den einsetzenden Regen vorausgeahnt haben, denn er ist schon dabei, sichtlich mit dem Einverständnis der Polizei, ein Zelt über dem Erdloch aufzustellen.
Ich spreche einen Passanten an, weil er mir auffällt, wie er andere über das Geschehen informiert und frage ihn, ob er schon länger hier stehe.
»Ich habe den da drüben, der das Zelt aufbaut, rufen hören, dass da ein Schädel liegt. Seitdem schaue ich zu. Ist 'ne spannende G'schicht.«
.....

»Hier scheint jemand ein Problem gehabt zu haben«, höre ich den Kriminalbeamten zu seinem Assistenten sagen, der freundlicherweise neben mir steht und mich dadurch besser sehen lässt.
»Wie meinen Sie das?« frage ich in das Loch hinab und hoffe nicht allzu aufdringlich zu sein.
»Wie ich es sage: Der, der hier liegt, wollte bestimmt nicht hier bleiben.«
»Und woran erkennen Sie das, wenn ich fragen darf?«
»Ich hab' schon vieles gesehen, da hat man so seine Erfahrung.«
Der Stimme nach scheint es den an einem Knochen pinselnden Kriminalbeamten nicht zu stören, dass ich ihn während der Untersuchung befrage, und da er sich jetzt aufrichtet, sehe ich ebenfalls die Position des nun fast gänzlich freigelegten Skeletts, als eine, die sich ergeben kann, wenn jemand sich schützend bückt.
Ist hier womöglich jemand lebendig begraben worden? Ein vielleicht verletzter und zu einer stärkeren Abwehr unfähiger, aber noch lebender Mensch, der sich von der geschaufelten und auf ihn herabfallenden Erde abdrehte? Welch grausame Tat wäre hier dann begangen worden, und da sich die Stelle mitten in der Stadt befindet, ist sie sicherlich nicht unbemerkt geblieben. Dass sie womöglich vor aller Augen geschah? Ist hier vielleicht jemand grausam bestraft worden? Rechtens oder nicht. Lebendig begraben einer Strafe wegen: Was muss man da getan haben?
Sollte sich andererseits herausstellen, dass es das Skelett einer Frau ist, so kommt mir die Zeit der Hexenverfolgungen in den Sinn, denn leider wütete der Hexenwahn auch in Dillingen und wie ich bei meinen Recherchen zum Stadtführer erfuhr, besonders am Ende des sechzehnten Jahrhunderts. Allerdings wurden die Verurteilten verbrannt, weil das Feuer doch reinigend wirke und vom Teufel befreie; von der Strafe, lebendig begraben zu werden, habe ich diesbezüglich noch nichts gelesen.
Seltsam allerdings, dass ich so weit in die Zeit zurückgehe; die hier aufgefundenen Reste eines gewesenen Menschen könnten ja auch weniger lang unter der Straße liegen. Hierzu müsste man wissen, wie lange es in diesem Erdreich dauert, bis eine Leiche vollständig verwest und etwaige Kleidung verrottet ist. Aber ich gehe jetzt mal davon aus, dass es aufgrund der Überreste schon länger her sein muss, dass da unten ein Mensch zu Tode kam.
Aus einem silberfarbenen Koffer entnimmt der Kripobeamte jetzt einen kleinen Spachtel, wie ihn Maler verwenden, wenn sie mit Ölfarben malen, und kratzt von den noch nicht ganz freigelegten Handknochen etwas Erde weg. Er muss es geahnt haben, denn es kommt doch tatsächlich ein Ring am Zeigefinger der rechten Hand zum Vorschein.
Das Jahr des Thronfolgers
Dritter Dillingen-Raman
von Marcus Bernard Hartmann
Klappbroschur, 173 Seiten
16,00 €
